mercoledì, novembre 09, 2011

Maurn innerhalb der Stadt: Site in Istanbul




Als Fatih Sultan Mehmet 1453 die Mauern von Konstantinopel bezwang und die Stadt eroberte, konnte er sich nicht vorstellen, dass 550 Jahre später wieder neue Mauern in der Stadt wachsen würden. Doch die heutigen Mauern sind keine Stadtmauern sondern umgeben einzelne Wohnsiedlungen. Auf Türkisch heißen sie „Site“ (aus d. Franz. Cité). Auch die Englischlektorin Anne S. wurde überrascht. Sie dachte, dass es Gated Communities nur in ihrer alten Heimat gäbe. Aus Texas kam sie nach Istanbul, um an der Koç-Universität zu arbeiten.
Über einen Makler mietete sie sich eine Wohnung abseits von Istanbuls Zentrum, in Etiler, in einer geschlossenen Wohnanlage. Ihr fiel es nicht schwer, das als modern angepriesene Etiler dem unter Touristen beliebten Stadtviertel Fatih vorzuziehen. Das historische, traumhafte und nostalgische Fatih hat zwar seine charmevolle Vergangenheit, doch Etiler ist mit der Metro vernetzt und mit Einkaufszentren versorgt; „Etiler ist die Zukunft“, wurde ihr gesagt. Die Zukunft, die das türkische Wirtschaftswachstum von 8% widerspiegelt. Die Zukunft, die Wohlstand verspricht – aber nur für einige.


Anne hatte aus ihrer Wohnung einen Blick auf den Bosporus; auf dem Dach ihres Hochhauses konnte sie in einem Freibad baden und sich ungestört sonnen, im Supermarkt im Erdstock gab es auch Dijon Senfsoße und Baileys; ein Spielplatz und ein Kino waren auch vorhanden. Nicht zuletzt waren die vier Blockhäuser, die die “Bogazici Evler” (Bosporus-Häuser) Wohnanlage bildeten, überwacht; die Wohnanlage umrahmte eine Mauer mit Gitterstäben, Stacheldraht und Sicherheitskameras, 4-5 Sicherheitsbeamte kontrollierten den Eingang.
Eine ideale Stadt, genau wie sie in den Plakaten angepriesen wurden: Ein ideales Umfeld um Kinder im Kreise von anderen ausgewählten Familien aufzuziehen. Alles, was man braucht in der Nähe: 5 Minuten bis zur Akmerkez-Mall, 15 Minuten bis zur Bosporusbrücke, 20 Minuten bis zur Innenstadt. Anne fand die kleine Wohnsiedlung nett, sauber, sicher aber die Bewohner sprachen kaum mit ihr sondern nur mit ihrem Smartphone. Die physischen Grenzen der „Bogazici Evler“ zeigten Anne die soziale Trennung in der Gesellschaft. Indem die Bewohner sich mit ihresgleichen zurückziehen, erschaffen sie sich eine tadellose künstliche Stadt die der Sunshine City aus dem Film „Die Truman Show“ ähnelt. Armut gibt es hier nicht. Sie bleibt vor den Toren – und damit auch die soziale Verantwortung.
Morgens stieg Anne in einen privaten Minibus ein, der sie vom Haustor zur Universität brachte. Abends zurück – ohne Kontakte zu Menschen aus anderen Vierteln zu haben. Sie fühlte sich, als wäre sie noch immer in den Staaten. Dort wurden die Gated Communities in den 70ern populär und heutzutage wählen mehr als 10 Millionen Amerikaner geschlossene Wohnanlagen als ihren Wohnort (Soja 2000). Laut der Zeitschrift Tempo wohnten 2003 mehr als 70.000 Istanbuler in Gated Communites. Heute kann man von weit mehr ausgehen, da in den letzen Jahren auch die Mittelschicht ihren Traum vom Leben hinter Mauern realisiert hat.
Als Anne mit den Sicherheitsbeamten ins Gespräch kam, fand sie heraus, dass diese in dem nebenliegenden Stadtviertel wohnten. Ihre Aufgabe ist also die Site-Bewohner vor ihresgleichen zu schützen: vor ihren eigenen Familien, Freunden und Nachbarn. Anne war nicht gekommen, um diesen Teil der Türkei kennen zu lernen. Sie packte ihre Koffer und zog in ein anderes Stadtviertel.

Wegen der Suche nach Orten mit schönem Ausblick entstehen die Ghettos für Reiche meistens im Hinterland von Istanbul, zwischen Feldern und traditionelleren Stadtvierteln. Noch vor fünf Jahren gab es Felder und Weiden wo jetzt die Bogazici Evler stehen: die Bauern, dessen Wirtschaft gestört wurde, arbeiten jetzt als Sicherheitsbeamte oder in den Gärten der Wohnanlage und die Frauen kehren die Treppenhäuser. Weiter als die Treppenhäuser werden sie aber nie kommen. Die Mauern, die auf ihren ehemaligen Feldern wachsen, werden sie nie bezwingen.