
Amara Lakhous, algerischer Intellektueller, ist nach 13 Jahren in Rom nach Berlin umgezogen. Er spricht über Islam, Dialog zwischen den Kulturen und sein Leben in der deutschen Hauptstadt.
Wie fühlen Sie sich in Berlin?
Es ist eine großartige Stadt, in der ein 20-jährigen Traum für mich wahr wird. Als ich in Alger Philosophiestudent war, begann ich einen Deutschkurs am Goethe-Institut. Nach einigen Monaten ließ die islamisch fundamentalische Regierung das Institut schließen. In Rom musste ich als Mitglied einer Minderheit immer und immer wieder mein Wertesystem in Frage stellen und meine Identität neu erfinden. Jetzt habe ich einen italienischen Pass, und gehöre offiziell der Mehrheit. Es ist Zeit mich noch einmal in Frage zu stellen. Berlin ist ein neues Kapitel in meinem Leben.
Immigration, Multikulturalität, Islam und die Rolle der Frau sind Leitmotive in Ihren Werken. Sind Sie Soziologe, Journalist, oder Schrifteller?
Während meiner Doktorarbeit am Institut für Soziologie in La Sapienza, konnte ich lange in den Büchern forschen, aber zu wenig die Menschen beobachten. Als ich später als Journalist für die Adn-Kronos (eine italienische Presseagentur) arbeitete, hatte ich genug Kontakt zu Menschen, aber zu wenig Zeit für den Stil Form. meiner Texte. Als Schriftsteller kann ich mir Zeit für die Recherchen im Vorfeld, für die Beobachtung der Realität, und auch für die Vollendung der Form nehmen. Ich wäre nicht Schrifteller, ohne Soziologe und Journalist gewesen zu sein.
Ihr Roman „Krach der Kulturen um einen Fahrstuhl an der Piazza Vittorio“ ist bereits in sechs Sprachen erschienen. Was macht einen Fahrstuhl an der Piazza Vittorio zu einem so interessanten Ort auch außerhalb Roms?
Mein Roman blickt in die Zukunft. Wie wird Europa in 20, 30, 40 Jahren aussehen? Gehe einfach zur Piazza Vittorio, oder nach Kreuzberg. In solchen Stadtvierteln wurde Integration von einem gleichberechtigten Nebeneinander und Austausch der Kulturen ersetzt. Die Integration ist nur möglich, wenn es eine dominante Mehrheit gibt, aber auf der Piazza Vittorio befinden sich zahlreiche Minderheiten: da ist nur ein gleichberechtigtes Nebeneinanders möglich. Nach Ortega y Gasset entsteht eine neue Gesellschaft, wenn ein Schaf sich von der Herde entfernt und Mut hat, zwischen den Wölfen zu weiden. Tief in der Zerbrechlichkeit findet man das Neue.
Ihr Roman spielt in einem römischen Multi-Kulti-Viertel. Gibt es eine Piazza Vittorio auch in Berlin?
Das Aufeinandertreffen der Kulturen, worum es im „Krach der Kulturen um einen Fahrstuhl an der Piazza Vittorio“ geht, findet in Kreuzberg oder Neukölln bereits statt. Ganz Berlin ist schon ein Piazza Vittorio. Berlin ist verletzlich: die Stadt war lange von der Mauer durchschnitten. Berlin ist noch jung, es hat seine neue Identität noch nicht gefunden, und alle sind in dem neuen Berlin fremd. Im Gegensatz zu Rom spüre ich hier Heiterkeit und gegenseitiges Vertrauen und die Möglichkeit, Arbeit und Privates in einen Gleichklang zu bringen.
Woher kommt das Vertrauen?
In Italien steht die Familie im Mittelpunkt aller menschlichen Beziehungen, das geht auch zu Lasten des Gemeinsinns. Die Deutschen betrachten ihre Werte und Ihre Regeln positiv. In Italien respektieren wir zwar die Regeln, wir mögen sie aber nicht. Die Deutschen respektieren die Gesetzte und Regeln, weil sie darin eine wichtige soziale Funktion sehen.
Amedeo, die Hauptrolle Ihres Romans, stoßt gegen mehreren Xenophoben. Gehört damit der Spruch „Italiani brava gente“ –Italiener, anständige Leute“ der Vergangenheit an?
In letzter Zeit gab es viele Episoden, die der Reputation Italiens nicht gerade zuträglich sind, wie zum Beispiel der Vorschlag, Fingerabdrücke von Roma und Sinti-Kindern aufzunehmen. Trotzdem, je mehr die Festung Europa ihre Grenzen verschließt, desto stärker wird die Idealisierung im europäischen Ausland. In einer Erzählung beschreibe ich die Gedanken eines Kindes aus Tanger. Wäre er 16 Kilometer weiter nördlich geboren, könnte er in Spanien, wie seine Cousins, jeden Tag Bonbons lutschen. Als Junge beneidet er seine europäischen Verwandten, weil sie eine Freundin haben dürfen. Mit 17 flieht er nach Rom, wo er versteht, dass das Leben dort genau so hart sein kann wie in Marokko. Er wird im Gefängnis von Bonbons träumen.
Letzte Woche sagte Präsident Barack Obama in seiner Rede an die Muslimische Welt in Kairo, dass die Geschickte des Westens von einer friedlichen Koexistenz und Kooperation mit der Islamischen Welt abhängen. Was sagen Sie zu dieser Botschaft?
In einem Interview beschreibt der sizilianische Schrifteller Sciascia 1987, wie die Sizilianer ihren Reichtum der arabischen Kolonialisierung schuldeten: von den Zitronenplantagen über Thunfischerei bis zum Namen Sciascia selbst. So ist das auch mit den Europäern, Italienern und Deutschen, die damals nach Rumänien gegangen sind. Damals waren sie die armen Migranten die als Zimmermädchen oder als Tagelöhner arbeiteten. Manchmal vergessen wir das.