Vor der Abfahrt
Da ich nicht unmittelbar in ein Forschungsprogramm einer amerikanischen Universität eingebunden war, sondern in erster Linie als unabhängige Forscher die Kurse besuchte, hing der Ablauf meiner Reise ausschließlich von meiner eigenen Planung ab. Ich hatte schon im Vorfeld alle Dozenten angeschrieben, bei denen ich einen Kurs besuchen wollte, und mich über die Programme anderer Hochschulen schon informiert. Das ist in der Regel zu empfehlen, weil das Graduate Center auch mit anderen New Yorker Universitäten wie z.B. der Columbia und New York University (NYU) kooperiert.
Ich hatte die Kosten, die Wartezeiten und den wegen der Sicherheitsmaßnahmen verstärkten bürokratischen Ablauf, um das Visum zu erhalten, unterschätzt. Solche Arbeit im Vorfeld hat mich etwa 200 Euro und zeitintensive Fahrerei gekostet.
Sehr nützlich schon im Vorfeld hat sich auch die Webseite www.craigslist.org erwiesen - bezüglich der Zimmersuche, des Fahrradkaufs, oder Englischkurse.
Beim Ankommen
Hingegen war der bürokratische Ablauf an der Universität sehr effizient: die Einschreibung an der Universität und in der Bibliothek konnte ich innerhalb von zwei Stunden erledigen. Trotzdem waren die ersten Tage in New York sehr anstrengend und manchmal frustrierend. Die voluminöse und für mich ungewöhnliche Räumlichkeit und zyklopische Entfernungen, die übergreifende Technologie, das schon begonnene Semester und nicht zuletzt einige Schwierigkeit mit dem amerikanischen Akzent haben mir anfangs sehr viel Energie und Zeit gekostet. Da ich auf mich selbst gestellt war, hatte ich natürlich eine größere Verantwortung für meine Zeitplanung, doch war ich auch entsprechend flexibler und konnte viele akademische Veranstaltungen nach meinen persönlichen und konkreten wissenschaftlichen Bedürfnissen ausrichten. Hier hat mir die berühmte Lockerheit und Freundlichkeit der Amerikaner, besonders der Dozenten, sehr geholfen. Innerhalb einer Woche konnte ich mich unabhängig wie in meiner Heimathochschule bewegen.
Außerdem hat mir persönlich und fachlich das Netzwerks der SDW-Stipendiaten geholfen: eine Facebook-group wurde von Stipendiaten in Boston eingerichtet, und das hat gegenseitige Besuche ermöglicht.
Mit meinem deutschen Handy konnte ich keine amerikanische Sim-Karte benutzen. Im Telefongeschäft sind aber billige Handys mit entsprechender wieder aufladbarer Sim-Karte für insgesamt 30-40 Dollar zu erhalten. Die Tarife sind leider sehr teuer, sodass ich für längere Aufenthalte lieber andere Verträge empfehlen würde.
Finanzen -Wohnen
Ein Monat nach meiner Abfahrt habe ich eine Pauschale für Unkosten für Flug und Krankversicherung von der SDW erhalten; die Boarding-Card wird als Beleg erbeten. Dank des für uns günstigen Kurses mit dem Dollar waren die Lebenshaltungskosten in New York nur gering höher als in Heidelberg. Die verschiedenen amerikanischen Gewohnheiten (sich immer mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewegen, oft unterwegs essen…) führen aber zu einem aufwendigen Lebensstil. Auch die Mieten waren in Manhattan auffällig hoch (ca. $1000/Monat für ein Zimmer). Da ich gerne mit amerikanischen Studenten leben wollte, habe ich ein Zimmer in einer WG gefunden, in der Bronx. In solchen Vororten (Queens, Brooklyn, und der südliche Teil der Bronx) sind die Mieten mit dem SDW-Stipendium und eventuell ein bisschen Epargnissen gut bezahlbar (ab $600) und der Weg zum Graduate Center (34. Street) innerhalb von 30 bis 40 Minuten mit der U-Bahn machbar. Der Ruf der Bronx spiegelt nicht mehr die Wirklichkeit wider; ich habe mich dort nie in Gefahr gefühlt.
Am Anfang war meine Hauptfrage, ob man viele Unkosten haben würde, wenn man die deutsche Kreditkarte benutzt und Geld aus dem Automaten mit der deutschen Debit-Karte abhebt. Obwohl das auch eine Möglichkeit gewesen wäre, habe ich mir ein Konto bei der Bank of America eröffnen lassen, und die entsprechende ATM-Debit-Karte benutzt. Es ging sehr leicht auch ohne die social security number. Übrigens hat die Bank of America zahlreiche Geldautomaten in Manhattan (und in den USA allgemein).
Bibliothek
Die für meine Forschung wichtige Literatur war meistens am Graduate Center vorhanden. Die dortige Bibliothek hat bis 23 Uhr geöffnet. Zugang hatte ich auch zu anderen Dissertationen, die sich mit ähnlichen Themen beschäftig haben, deren Existenz mir kaum bewusst war. Außerdem konnte ich Material per Fernleihe bestellen: die gefragten Artikel bekam ich den folgenden Tagen als Pdf gescannt und per E-Mail geschickt. Eine Innovation, die ich in Heidelberg noch nicht gesehen habe. Mein Referenz-Professor am Graduate Center konnte mir auch eine Erlaubnis für den Zugang an die Bobst-Library besorgen, zu dem normalerweise nur Studenten der New York University (NYU) befugt sind. Der Aufenthalt in einem solchen Tempel der Wissenschaft hat nicht nur meine Bibliografie bereichert, sondern auch viele Einblicke in die amerikanische „undergraduate“ Welt ermöglicht.
Akademische Kontakte
Was mich besonders positiv beeindruckt hat war die Bereitschaft und die Freundlichkeit der Dozenten. Am Graduate Center haben regelmässige Veranstaltungen (etwa evening lectures, Syntax Supper, Psycholinguistic evening…) stattgefunden, bei denen ich die Gelegenheit hatte, mit Dozenten und Doktoranden außerhalb des Unterrichts über wissenschaftliche Themen zu sprechen. Leider waren die Doktoranden meistens sehr beschäftigt, sodass nur wenige angenehme Gespräche lange dauern konnten. Sehr gewinnbringend haben sich die Möglichkeiten erwiesen, Teile von meinen Forschungsergebnissen in einem Unterricht und in einer Konferenz darzustellen. Dozenten und Studenten sind dort gewohnt, Gäste zu haben, und fremde Akzente sind problemlos akzeptiert. Auch wenn Vorträge von Gästen dort die Regel sind, empfehle ich das Interesse rechtzeitich zu äußern.
Schlusswort
Ich würde heute diesen Auslandsaufenthalt wieder genauso planen, evtl. würde ich jedoch diesmal noch vor Semesteranfang ankommen, um mich erst an das Stadtleben zu gewöhnen. Ich habe schon erwähnt, dass das Ziel für meinen Aufenthalt eine intensive Auseinandersetzung mit Experten meines Dissertationsthemas war. Aber die Amerikaner und ihr soziales System können selber für untersuchenswert gehalten werden. Besonders New York bietet zahlreiche heterogene Kulturen, die unzählige Interessen wecken können. In interkultureller Hinsicht habe ich durch diesen Amerikaaufenthalt nicht nur mein eigenes Amerikabild relativiert und das Klischee des Amerikaners destrukturiert, sondern habe auch meine eigene Herkunft und Sozialisation als Italiener, und als Europäer, neu gedacht und wahrgenommen. Extrem beeindruckend war die Wahlkampagne, die ich zum Glück am Ort des Geschehens verfolgen konnte. Ich konnte die frischen enthusiastischen Wähler ansprechen, und der Sieg aller Minderheiten miterleben. Mit Spannung und Mitgefühl habe ich auch die Finanzkrise in der Wallstreet verfolgt, sowie Traditionen und Feste wie Halloween, Thanksgiving, Hanukkah, und Weihnachten mit neuen Augen gesehen. Ich hatte den Eindruck, in einer Insel in der Mitte der Welt zu sein.
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